Wir verwenden Cookies für die beste Nutzererfahrung. Es werden Cookies von Dritten eingesetzt, um Ihnen personalisierte Werbung anzuzeigen. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie der Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät zu. Informationen zu Cookies und ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
 
 
 

Bildung dient nicht nur dem Gelderwerb!

Vortrag von Univ. Prof. Dr. Karlheinz Töchterle

Angekündigt war der Vortrag am 13. Dezember schon Wochen vorher, aber bis zuletzt war der Termin ziemlich unsicher: Kommt Karlheinz Töchterle, der österreichische Minister für Wissenschaft und Forschung, nach Bruneck, um im Cusanus-Gymnasium einen Vortrag zu halten? Denn kurz vorher sollte die neue österreichische Bundesregierung vereidigt werden. Als sie dann tatsächlich am 12. Dezember vereidigt wurde, war Töchterle zur Überraschung der meisten nicht mehr dabei: Sein Ressort wurde dem Wirtschaftsministerium zugeschlagen. Inoffiziell war zu erfahren: Der parteilose Altphilologe aus Nordtirol habe sein Ressort zwar zur vollsten Zufriedenheit verwaltet, aber er habe mit seiner Meinung auch nie hinter dem Berg gehalten und sei im Volk sehr beliebt gewesen – das kann in der Politik gefährlich sein. Wie auch immer: Karlheinz Töchterle, nunmehr Ex-Bildungsminister, hielt in Bruneck ziemlich entspannt einen aussagekräftigen Vortrag über Bildung.

Der Innsbrucker Universitätsprofessor und ehemalige Rektor Karlheinz Töchterle zeigte sich im Vorfeld seines Vortrags überrascht von den seltsamen Wendungen in der Wiener großen Koalition, die das Wissenschaftsministerium als eigenes Ministerium einfach abgeschafft und dem Wirtschaftsministerium zugeschlagen hat: „Das ist in Zeiten, in denen Bildung und Wissenschaft als Herzstück der Entwicklung eines Landes gelten, ein fatales Signal!“ Da nützte es auch nichts mehr, dass Bundespräsident Heinz Fischer in einer ersten Reaktion betonte, er werde eine Regierung ohne eigenes Wissenschaftsministerium gar nicht angeloben und die Universitäten einige Tage nach der Angelobigung als Zeichen der Trauer schwarze Flaggen hissten...

Kalokagathia
Der Vortrag, den Töchterle in Bruneck hielt, trug den Titel: „Bildung, die sie meinen. Riffe und Ankerplätze im Debattenmeer“. Töchterle betonte einleitend, dass die aktuellen Debatten über Bildung deshalb emotional völlig überfrachtet sind, weil angeblich das (wirtschaftliche) Wohl und Wehe eines Landes von der Bildung abhänge: „Die Bildung trägt zwar dazu bei, eine Volkswirtschaft zu stärken, aber sie auf diese Funktion zu reduzieren, greift viel zu kurz!“ Diese Debatte ist übrigens sehr alt und auch die Argumente, wie der Altphilologe Töchterle betonte: „Bereits in der griechischen Antike gab es das Bildungsideal des kaloskagathos (kalokagathia), sprich: die Verbindung des Schönen und Guten mit der Tüchtigkeit. Dieses Erziehungsideal der griechischen Adelsgesellschaft sollte insgesamt zu einem gelungenen Leben führen. Doch die Sophisten durchkreuzten dieses elitäre Ideal mit der demokratischen Forderung, jeder Grieche müsse durch umfassendes Studium gesellschaftlich aufsteigen können.“ Das neue Ideal wurde die umfassende körperliche und geistige Bildung der Menschen, die in den Gymnasien betrieben wurde. In der Spätantike wurde mit den septem artes liberales versucht, das klassische Bildungsideal der Antike über die Zeiten zu retten. Das Trivium umfasste dabei die Grammatik, Rhetorik und Dialektik; zum Quadrivium gehörten Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Bis ins 18. Jahrhundert waren die septem artes liberales Bildungsgegenstand an den Universitäten. Der große preußische Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt setzte auf ein dreistufiges Schulsystem mit Elementarschule, humanistischem Gymnasium und Universität. Im Sinne des Neuhumanismus drängte er auf die Vorherrschaft der alten Sprachen Griechisch und Latein.

Zu berufslastig?
Humboldt legte zwar den Schwerpunkt auf Sprachen, Literatur, Geschichte und Philosophie, aber die praktische Ausbildung, etwa zum Priester, Juristen und Mediziner, litt darunter nicht, wie Töchterle betonte: „Wenn heute der Bologna-Prozess mit seinem Ziel der europaweiten Harmonisierung von Studiengängen und -abschlüssen als zu berufslastig kritisiert wird, so trifft dieser Vorwurf nur zum Teil, denn rein berufsbildende Studiengänge gab es immer schon. Die Universitäten waren nie primär wissenschaftlich ausgerichtet, allein den Wahren, Guten und Schönen verpflichtet. 2009 gab es an österreichischen Universitäten Proteste der Studenten gegen den Bologna-Prozess; sie forderten `zweckfreie` Wissenschaft und Bildung. Dass sie damit das alte platonische Ideal vertraten, war wohl wenigen bewusst.“
Wie auch immer: Das humanistische Gymnasium wurde trotz seiner seltsamen Verbindung – pflichtbewusste Preußen setzen voll auf die antiken Bildungsideale und parlieren dabei lateinisch und griechisch! - zu einer Erfolgsgeschichte, die sich laut Töchterle damit erklären lässt, dass es bei der Bildung durchaus auch darauf ankommt, zunächst in eine Disziplin formal und inhaltlich tief einzudringen und die dabei erworbenen Kenntnisse dann auf andere Disziplinen zu übertragen - was in der Regel recht problemlos vor sich geht.

Genussvoller leben
Riffe und andere Probleme gibt es in der heutigen Bildungslandschaft also genug; aber gibt es auch „Ankerplätze im Debattenmeer“, wie sie Töchterle im Titel seines Referats versprochen hat? Durchaus! Die Zahl der Ausbildungswege und Studienrichtungen ist heute so „unglaublich ausdifferenziert“, dass Maturanten schnell mutlos werden. Aber Töchterle verteilte auch Beruhigungspillen: „Bildung ist zwar wichtig, aber man darf sie nicht auf ihre ökonomischen Dimensionen reduzieren. Sicher haben junge Akademiker heute Schwierigkeiten, eine angemessene Stelle zu finden, aber wir sollten nicht vergessen, dass Bildung immer auch ein individueller Gewinn ist: Wer viel Wissen und viele Fähigkeiten erworben hat, kann intensiver und genussvoller am Leben teilnehmen.“ Und die politischen Auswirkungen sind selbstverständlich auch nicht zu vergessen; Töchterle: „Ein demokratisches Gemeinwesen, das funktionieren soll, braucht vielseitig gebildete, souveräne und mündige Bürger, die sich von Populisten nicht ohne weiteres verführen und manipulieren lassen!“ Töchterle verwies in diesem Zusammenhang auch auf Nikolaus Cusanus, den „herrlichen Patron des Brunecker Sprachen- und Realgymnasiums“, der bereits im ausgehenden Mittelalter ein friedliches Zusammengehen der Religionen propagierte. Zudem sei die Akademikerquote nicht alles; Töchterle: „Österreich hat seit jeher im Vergleich zu anderen OECD-Staaten, etwa Spanien, eine niedrige Akademikerquote, trotzdem steht die Alpenrepublik wirtschaftlich bestens da!“

Menschlich bleiben!
In der anschließenden Diskussion wurde die Tatsache betont, dass unser Bildungsideal doch sehr eurozentrisch ausgerichtet ist und die Gefahr besteht, dass wir gegenüber dem konfuzianisch geprägten chinesischen Bildungsideal der Chinesen und Japaner mit seinem extremen Leistungsideal ins Hintertreffen geraten könnten. Doch Töchterle, der dieses Bildungsmodell aus eigener Anschauung gut kennt (Die Universität Innsbruck hat in Ostasien Schwester-Universitäten), gab Entwarnung: „In dieser Kultur ist Leistung alles, während die Eigeninitiative und die Kreativität eindeutig zu kurz kommen. Zudem sollten uns die hohen Suizidraten besonders unter japanischen Schülern zu denken geben, die durch den unmenschlichen Leistungsdruck bedingt sind. Der ökonomische Wettlauf führt in die Irre; wir in Europa sollten vielmehr dafür sorgen, dass wir menschlich bleiben!“ Töchterle kritisierte auf Nachfrage auch die heutige völlige Verschulung der Universitäten, in der es nur noch darum gehe, möglichst schnell alle nötigen Zeugnisse zu sammeln; um Wissenserwerb um seiner selbst willen gehe es schon lange nicht mehr: „Die seit 1999 durchgängige Etablierung des European Credit Transfer Systems (ECTS), die auf eine europaweite Qualitätssicherung im Hochschulbereich abzielt, ist schlichtweg eine Idiotie! Ich habe als Minister immer wieder auf Lateinisch dagegen protestiert: Ceterum censeo ECTS esse delendam! Denn dieses System misst nur, wie lange ich in einer Vorlesung oder in einem Praktikum gesessen bin, nicht aber, was ich dort gelernt habe! Schrecklich ist auch die übertriebene Reglementierung der Studien, die den Studierenden praktisch keine Freiheiten mehr lassen, die stoffliche Überladung der Regelstudiengänge und die überbordende, allzu kleinteilige Prüfungspraxis.“

Entspannter lernen
Töchterle plädiert zwar nicht für die Universität, die sich der „reinen Wissenschaft“ widmet - „das ist auch nicht das Gelbe vom Ei!“ - aber Bildung sollte insgesamt wieder entspannter werden: „Während meines Studiums in den 1970er Jahren war es so, dass nur das Lernziel klar war; der Weg, wie ich zu diesem Ziel gelange, war mir selbst überlassen.“ Töchterle sieht durchaus einen Lichtstrahl am Horizont: „Die aufmüpfige Jugend kann eine neue Welt entstehen lassen!“ Töchterle wird nach seinem Abgang als Wissenschaftsminister zumindest Nationalratsabgeordneter bleiben; zu hoffen ist, dass er als solcher seinen absolut vernünftigen Ideen zu Wissenschaft und Forschung zum Durchbruch verhelfen kann. Dem aufschlussreichen Referat des Ex-Wissenschaftsministers hörten im Cusanus-Gymnasium viele Lehrer, Schüler, Eltern und auch einige Politiker zu und applaudierten intensiv.
Übrigens: Nach Bruneck gekommen war Töchterle, dessen Vorfahren aus Geiselsberg stammen, auf Betreiben des Lateinlehrers Wolfgang Strobl.

 
 
 Zurück zur Liste 
 
Bildung dient nicht nur dem Gelderwerb!
 
Bildung dient nicht nur dem Gelderwerb!
 
Bildung dient nicht nur dem Gelderwerb!
 
Bildung dient nicht nur dem Gelderwerb!
 
Bildung dient nicht nur dem Gelderwerb!
 
Bildung dient nicht nur dem Gelderwerb!
 
Bildung dient nicht nur dem Gelderwerb!
 
Bildung dient nicht nur dem Gelderwerb!
 
 


 
Login News Kontakt