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„Ein gutes Büchel ist der Seel ein Küchel, womit sie sich ernährt“

(Abraham a Sancta Clara)

Der Himmel ist wolkenverhangen, Regen rinnt an der Fensterscheibe herunter, das Kaminfeuer flackert. Die Tasse Tee steht dampfend bereit und auf dem Sofa liegt es – das Buch. Zerfleddert, zerlesen, mit Eselsohren verziert und von Kaffeeflecken geschändet.
Schon so oft in den Händen gehalten und doch begrüßt es einen immer wieder wie einen alten Freund, wenn man seinen Blick über die Seiten schweifen lässt. Man streicht behutsam über den Deckel, schlägt es auf und taucht ein.
Taucht ein in eine andere Welt, riecht förmlich den Sommer, spürt geradezu den Wind, der durch die Haare streicht. Alles um einen herum verschwindet, was zählt ist einzig und allein die Geschichte. Uhren und Zeiten sind vergessen, Meetings und Termine sowieso. Es ist das Buch, auf das wir all unsere Aufmerksamkeit richten. Nein, falsch. Es war das Buch, auf das wir all unsere Aufmerksamkeit richtete.

„Es war einmal…“ So beginnen Märchen aus längst vergessenen Zeiten.
Wir tun beinahe so, als wäre es etwas Abnormales ein Buch zu lesen. Ist es das? Werden wir irgendwann einmal beim gemütlichen Beisammensein sagen: „Was waren das noch Zeiten, als wir Zeit hatten ein Buch zu lesen.“ Werden wir mit Wehmut an ein Zeitalter zurückdenken, als es noch keine ständig piepsenden I-Pad´s und Blackberrys gab? „Natürlich müsste man wieder einmal ein Buch lesen“, werden wir Erwachsenen sagen. „Er wäre bestimmt lesenswert, dieser neue Roman von Stephen King. Aber wenn man doch nur die Zeit dazu hätte…“ Doch die haben wir nicht. Zeit. Ein Fremdwort. Vermutlich wird dieses Wort im Duden irgendwann einmal nur mehr mit der Wortverbindung „keine“ zu finden sein. Keine Zeit. Keine Zeit für Nichts und Niemanden. Unsere Gesellschaft ist eine gestresste Gesellschaft geworden. Wo ist die Ruhe, wo die Gemütlichkeit hin? Wie wurden aus arbeitstüchtigen Bauern, die die Hände in den Schoß legen konnten, Geschäftsmänner mit 24-Stunden-Schichten?
Der Markt, hat sich dem Stress angepasst. So wie der Mensch sich einst der Evolution anpasste, so passt sich nun die Evolution an den Menschen an. An den gestresste, unter Zeitdruck stehenden Menschen, wohlgemerkt. Fertiggerichte, Coffee-to go, Schlagzeilen, das alles unterstützt den gestressten Menschen. Ein Buch lesen? Ja sind wir verrückt. Wenn wir es noch nicht einmal schaffen einen Artikel zu Ende zu lesen, geschweige denn einen ganzen Roman. Man hat einfach Besseres, Wichtigeres zu tun. Wozu sich hinsetzen und ein Buch lesen, wenn die Wäsche noch nicht gebügelt ist? Man kann sich ja die Inhaltsangabe auf Wikipedia durchlesen und dann so tun, als hätte man es gelesen. Ist effizienter. Spart Zeit. Der neue Roman von Markus Zusak ist ein Bestseller, “ schreibt der Spiegel. Und ich finde das auch. Ich überzeuge mich nicht von dieser Aussage, dazu habe ich keine Zeit. Wenn es in einer renommierten Zeitschrift steht, wird das wohl stimmen. Es ist also schlicht und einfach der Zeitdruck, der Stress, der es uns unmöglich macht zur Ruhe zu kommen und einmal gemütlich ein Buch zu lesen.
„Ein gutes Büchel ist der Seel ein Küchel, womit sie sich ernährt“, so sprach der Prediger Abraham a Sancta Clara im Barock. Damals, ja damals war das vermutlich noch so. Damals war das gesamte Wissen eines Menschen in diesem einen Werk verpackt. Damals las man ein Buch vermutlich auch noch von A bis Z. Es gab keine Klappentexte oder Inhaltsangabe, keine Kurzfassung auf Wikipedia. Doch was es vor allem nicht gab, waren Handys. Piepsende, quietschende, quengelnde Geräte, die Beachtung wollen. Sonst regen sie sich auf. Sonst vibrieren sie und hüpfen auf und ab. Die Dinger einmal ausschalten und ein Buch genießen? Um Gottes Willen – nein! Es könnte ja weiß Gott was passieren!
Ein Buch soll also ein Kuchen sein, an dem sich die Seele nährt. Da lachen ja die Hühner! Unsere Gesellschaft isst doch keinen Kuchen, schon gar nicht einen ganzen. Wir nehmen höchstens ein kleines Stückchen. Im Vorübergehen – selbstverständlich. Einen Happen, einen Bissen, ein paar Brösel. Für mehr fehlt uns die Zeit oder einfach nur die Energie. „Bücher müssen schwer sein, weil sie eine ganze Welt in sich tragen.“, so sprach Cornelia Funke in Tintenherz. Ja, in Büchern verbergen sich wunderbare Welten. Feen und Hexen, Schlösser und Ritter. Vergangenes und Zukünftiges. Reales und Fiktives. Aber das brauchen wir doch alles nicht. Wozu fremde Welten, wenn wir kaum in unserer eigenen zu Recht kommen? Wozu Probleme anderer Menschen, wenn wir doch genügend mit unseren eigenen zu kämpfen haben? Wie gesagt, der Kurzleser dominiert unsere Zeit, der schnelle, hastige Leser, der schnell ein paar Krümel in sich hineinstopft. Ein Leser, der von Klappentexten und Schlagzeilen lebt, von Krümeln eben. Es ist doch eigentlich schade. Sogar die Kinder werden in dieser Hinsicht vielfach schon verdorben. Wo sind sie, die Kinder, die mit leuchtenden Augen die Nase in den fünften Harry-Potter-Teil stecken? Wo sind sie, die Kinder, die Salamischeiben als Lesezeichen benutzen und nervös und angespannt auf ihren Haaren herumkauen? Wo? Ach da sind sie. Sitzen mit stumpfem Blick vor dem neuen Nintendo Spiel, schießen mit leuchtenden Augen kleine grüne Männchen ab. Die Gesellschaft beeinflusst auch sie. Diese Kinder sind doch schon darauf programmiert, irgendwann einmal zum Kurzleser zu werden; wenn überhaupt. Das Bild des Lesens vor dem Kaminfeuer ist veraltet. Vergilbt, verblasst, fast schon abstrakt. Dabei gibt es doch eigentlich nichts Schöneres. Lesen, einfach einzutauchen in diese andere Welt und mitfiebern mit den Problemen, die nicht die eigenen sind. Ist doch auch einmal ganz angenehm.
Lesen kann so vieles sein, es entspannt, bringt zum Lachen, zum Weinen, kribbelt auf und erweitert unseren Horizont.
Doch eins tut es nicht, niemals: Es stresst. Ein Buch ist geduldig, es steht dir immer zur Seite, ist immer da. Du kannst es nehmen und lesen, kannst beginnen, wann du willst und wie du willst. Kannst heute ein Stückchen essen und morgen ein weiteres oder kannst es verschlingen, in einem Happen, so hastig und gierig, dass du dir nachher den Bauch hältst.
Wozu Krümel und Brösel, wozu Fertiggerichte und Kaffee in Plastikbechern, wenn man einen ganzen Kuchen haben kann?
 
 
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